Marktplatz-Analyse

EU-Zoll von 3 € und Bearbeitungsgebühr von 2 €: Was der Rückgang von Temu für Händler in Deutschland bedeutet

Wie der EU-Zoll von 3 € auf Kleinsendungen und die Bearbeitungsgebühr von 2 € ab 1. November die Kosten verändern – mit Beispielrechnung und Fahrplan für Händler innerhalb und außerhalb der EU.

Kurz gesagt

Die EU hat zum 1. Juli 2026 die Zollfreigrenze für Sendungen unter 150 € abgeschafft und einen Zoll von 3 € pro Artikel eingeführt; ab dem 1. November 2026 kommt eine Bearbeitungsgebühr von 2 € pro Artikel hinzu. Laut bevh verloren Temu, Shein und AliExpress im dritten Quartal 35,5 % ihres Umsatzes in Deutschland. Für den Direktversand aus Drittländern steigen die Stückkosten, Händler mit Lager in der EU gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit.

Was sich geändert hat: Die 150-€-Grenze ist weg, zwei neue Posten kommen

Laut der Seite der Europäischen Kommission zur Zollreform erhebt die EU seit dem 1. Juli 2026 einen befristeten Zoll von 3 € pro Artikel auf Sendungen bis 150 € aus Drittländern. Zuvor waren diese Sendungen zollfrei; es fiel nur Einfuhrumsatzsteuer an. Ab dem 1. November 2026 kommt eine „Union handling fee“ von 2 € pro Artikel hinzu (Europäische Kommission).

Wie PPC Land berichtet, wird der Zoll von 3 € nicht pro Sendung, sondern nach Zolltarifposition berechnet; eine Sendung mit Artikeln aus verschiedenen Positionen kann also mehrfach belastet werden (PPC Land). Der befristete Zoll wird durch reguläre Zölle ersetzt, sobald der EU-Zolldatenknotenpunkt vollständig in Betrieb ist.

Kurz gesagt: Ab 1. November entstehen für jeden geringwertigen Artikel, der direkt aus einem Drittland an Verbraucher in der EU geht, rund 5 € Zusatzkosten zur Einfuhrumsatzsteuer (3 € Zoll + 2 € Bearbeitungsgebühr).

Die ersten Zahlen zeigen die Wirkung: Temu, Shein und AliExpress minus 35,5 %

Nach den Q3-Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (bevh) erzielten Temu, Shein und AliExpress in Deutschland zusammen 566 Mio. € Umsatz, 35,5 % weniger als im Vorjahr. Ihr gemeinsamer Marktanteil sank von 5,3 % im zweiten auf 3,1 % im dritten Quartal. Im selben Zeitraum wuchsen die Online-Marktplätze in Deutschland insgesamt um 5,0 % (bevh-Zahlen, retail-news.de).

Daraus folgt zweierlei: Die Nachfrage verlässt die Marktplätze nicht, sie verlagert sich von Direktsendungen aus Asien, deren Preisvorteil schwindet, zu Angeboten mit Versand aus Europa. Temu erreicht in Deutschland dennoch eine breite Kundschaft: Laut Statista kauften 31 % der Online-Shopper in den letzten zwölf Monaten bei Temu (etailment). Im Mai 2026 verhängte die Europäische Kommission zudem eine Geldbuße von 200 Mio. € gegen Temu nach dem Digital Services Act, weil Risiken durch illegale Produkte nicht ausreichend bewertet wurden (Europäische Kommission).

Beispielrechnung: Direktversand gegenüber Versand aus der EU

Die Tabelle zeigt den Anteil der neuen Zollposten am Warenwert für einen Händler, der eine Sendung mit einem Artikel aus einem Drittland an einen Verbraucher in Deutschland verschickt. Umsatzsteuer, Versand und Marktplatzprovision sind nicht enthalten; das Beispiel zeigt vereinfacht nur die Wirkung der neuen Posten.

WarenwertNeue Posten (3 € + 2 €)Anteil am WarenwertEinschätzung
10 €5 €50 %Direktversand meist unrentabel
25 €5 €20 %EU-Lager ernsthaft prüfen
60 €5 €8,3 %Je nach Kategorie einpreisbar
140 €5 €3,6 %Geringe Wirkung

Enthält eine Sendung mehrere Artikel aus verschiedenen Tarifpositionen, steigen die Zusatzkosten. Ein höherer Warenkorb ist daher nicht automatisch die Lösung; mehr Produktvielfalt kann mehr zollpflichtige Positionen bedeuten.

Drei Strategien für Händler

1. Bestand in der EU halten

Werden Waren gesammelt in die EU eingeführt und aus einem Lager in Deutschland versendet, ist der Verkauf an Verbraucher ein innergemeinschaftlicher Verkauf, und die beiden Posten für Kleinsendungen entfallen. Amazon FBA Deutschland oder ein Fulfillment-Dienstleister für Kaufland und OTTO sind die üblichen Wege. Für die Sammeleinfuhr fallen regulärer Zoll und Einfuhrumsatzsteuer an, die Kosten pro Stück bleiben aber meist deutlich niedriger. Die Optionen vergleichen wir in unserem Beitrag zur Wahl zwischen FBA und FBM bei Amazon.de.

2. Sortiment nach Warenwert aufteilen

Zwingen Sie nicht den gesamten Katalog in ein Modell. Hochpreisige Langsamdreher können im Direktversand bleiben; Schnelldreher zwischen 10 und 30 € gehören ins EU-Lager. Langsamdreher einzulagern, erzeugt dagegen neue Kosten durch Lagergebühren.

3. Preisposition neu bewerten

Ist der Abstand zu Billigimporten kleiner geworden, müssen Sie Ihren Vorteil aus Lager vor Ort und schneller Lieferung nicht komplett im Preis abgeben. Beobachten Sie Wettbewerbspreise je Kategorie; schnelle Lieferung und einfache Retouren sind Werte, für die Kundinnen und Kunden in Deutschland zu zahlen bereit sind.

Checkliste: Das ist diese Woche zu tun

  1. Gruppieren Sie die Bestellungen der letzten drei Monate, die Sie direkt in die EU versendet haben, nach Warenwert und ermitteln Sie den Anteil der Artikel unter 30 €.
  2. Berechnen Sie für diese Artikel die Stückkosten neu: Ware, Versand, Marktplatzprovision, Einfuhrumsatzsteuer und die neuen 5 €.
  3. Vergleichen Sie die Kosten für den Versand derselben Artikel aus einem Lager in Deutschland, inklusive Sammeleinfuhr, Lagerung und Fulfillment-Gebühren.
  4. Prüfen Sie die Marge der Produkte, die Sie im November rabattieren wollen, mit den Kosten ab dem 1. November.
  5. Lassen Sie sich von Ihrem Zollberater die Tarifpositionen Ihrer Produkte und die erwarteten Zollsätze nach Rückkehr zu regulären Zöllen nennen.

Worauf Sie in den nächsten Monaten achten sollten

  • 1. November 2026: Die Bearbeitungsgebühr von 2 € startet; berücksichtigen Sie sie bei der Preisgestaltung für November-Aktionen.
  • Zolldatenknotenpunkt: Sobald er läuft, wird der befristete Zoll von 3 € durch reguläre Zölle ersetzt; bei manchen Produkten kann der Zoll höher als 3 € ausfallen.
  • Reaktion der Plattformen: Große asiatische Plattformen setzen verstärkt auf EU-Lager und lokale Händler; der Preiswettbewerb ist also nicht vorbei.

Das Wichtigste

  • Auf Kleinsendungen aus Drittländern fallen 3 € Zoll pro Artikel (seit 1. Juli 2026) und 2 € Bearbeitungsgebühr pro Artikel (ab 1. November 2026) an.
  • Bei günstigen Produkten ist die Wirkung groß: 5 € Zusatzkosten bei einem 15-€-Artikel sind ein Drittel des Warenwerts.
  • Temu, Shein und AliExpress verloren im dritten Quartal 35,5 % ihres Umsatzes in Deutschland; ihr Marktanteil sank auf 3,1 %.
  • Versand aus einem Lager in der EU vermeidet beide Posten; entscheiden Sie nach Warenwert, Abverkauf und Retourenquote.
  • Der befristete Zoll von 3 € wird mit dem EU-Zolldatenknotenpunkt durch reguläre Zölle ersetzt; halten Sie Ihre Planung flexibel.

Häufige Fragen

Wird die Bearbeitungsgebühr von 2 € pro Sendung oder pro Artikel erhoben?

Die Europäische Kommission definiert die Gebühr mit 2 € pro Artikel und wendet sie ab dem 1. November 2026 an. Eine Sendung mit verschiedenen Produkten kann die Gebühr mehrfach auslösen. Für eine genaue Berechnung prüfen Sie die Positionen der Zollanmeldung mit Ihrem Zollberater.

Lohnt sich der Direktversand aus Drittländern noch?

Bei hochpreisigen Produkten mit geringen Mengen ja; die zusätzlichen 5 € fallen im Verhältnis kaum ins Gewicht. Bei Produkten zwischen 10 und 25 € steigen die Stückkosten deutlich, ein Lager in Deutschland ist dann meist rentabler.

Betrifft die Änderung Händler mit Amazon FBA Deutschland?

Nicht direkt. Werden Waren gesammelt in die EU eingeführt und aus einem Lager in Deutschland versendet, findet der Verkauf an Verbraucher innerhalb der EU statt. Für die Sammeleinfuhr gelten weiterhin die regulären Zoll- und Einfuhrumsatzsteuerregeln.

Ist der Rückgang von Temu dauerhaft?

Dafür ist es zu früh. Die bevh-Zahlen betreffen ein Quartal, und die Plattformen setzen verstärkt auf EU-Lager und lokale Händler. Statt von einem dauerhaft geschlossenen Preisabstand auszugehen, beobachten Sie die Preise in Ihrer Kategorie regelmäßig.

Quellen

  1. European Commission – EU Customs Reform
  2. bevh / retail-news.de – Onlinehandel Q3 2026
  3. PPC Land – EU ends €150 duty exemption
  4. European Commission – Commission fines Temu €200 million (DSA)
  5. etailment – Beliebteste Onlineshops 2026